Ein neuer Freund

Ein neuer Freund

 

Ein neuer Freund

Kein anderes Thema in den letzten Jahren wurde so heftig diskutiert, zerrissen & neu geordnet. Keines bekam mehr Aufmerksamkeit und wurde von den Medien über alles andere gestellt. Kein anderes wurde so emotional und trieb die Gemüter komplett in die Spitze, emotionaler ging es kaum. Keines spaltete die Bevölkerung in verschiedene Gruppen und auch jetzt ist und bleibt es immer noch ein Thema, welches wie kein anderes uns allen schon ziemlich auf den „Sack“ geht. Dabei vergessen wir immer wieder, dass der „Flüchtling“ auch nur ein Mensch ist und dies durch die ewig langen, nicht aufhörenden Diskussionen verloren geht. Es hört sich an, als ob man um irgendwas Materielles spricht und nicht um ein Lebewesen, welches gleich ist wie wir alle, nur anders aufwuchs und deshalb nicht wirklich was dafür kann, wie es sein leben führt.

Ein ganz neuer Wortschatz hat sich bei jedem von uns in den Alltag integriert, welcher davor fast komplett unbekannt war bzw. äußerst selten genutzt wurde. Angefangen von Schlepper über Asylant bis hin zur lieben Migration und Flüchtlingswelle und es ist irgendwie kein Ende in Sicht. Die meisten lassen sich dabei von der Politik und Presse beeinflussen, was ich persönlich unglaublich schade finde. Die Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit der digitalen Kommunikation finde ich extrem wichtig, aber leider geben sie halt auch jedem ein Sprachrohr. Ich finde es wichtig, dass die Menschen sich zuerst selber von wichtigen Dingen überzeugen sollten, bevor sie sich eine Meinung bilden, denn dann würde es bestimmt in einigen Themen anders aussehen. Ich habe es getan und lernte einen „Flüchtling“ in einem Krankenhaus kennen. Wie das geschah und das darauffolgende Interview, welches ich mit ihm abgehalten habe, möchte ich gerne mit euch teilen, seid ihr Ready?

Wie alles begann

Ich drehte mich nach links und dann nach rechts, aber die Schmerzen – welche sich wie Stiche anfühlten und ständig wie in einer Schleife angefangen von der Stirn bis zum Nacken bewegten – wollten nicht aufhören. Ganz im Gegenteil, sie wurden schlimmer. „Ach Fuck!“, krächzte ich leise, wissend, dass ich meinen Zimmernachbarn nicht wecken sollte, denn sonst ist er wieder den ganzen Tag schlecht gelaunt und das brauchte ich in diesem Moment gar nicht. Ich faltete mein Polster einmal zusammen und legte meinen Kopf darauf, in der Hoffnung, dass das Klappmesser langsam eingefahren wird. Nach etwa 20 Sekunden – die Hoffnung, dass es in den 20 Sekunden besser wurde, war sowieso kompletter „Bullshit“ – riss ich in einem Schwung meinen Oberkörper hoch und drehte dabei gleichzeitig meine Füße nach rechts.

Ich saß nun auf der Bettkannte an der rechten Seite, meine Beine taumelten komplett locker in Richtung Boden und schaute vom 13. Stock raus auf die Berge, welche sich unmittelbar vor mir befinden. „Was für ein Pornoblick.“, nuschelte ich vor mir her und ergänzte: „, wenn nur das Bett auch so Porno wäre.“ Laut Aussagen der Pflegekräfte – Schwester darf man ja nicht mehr sagen – wurden hier die Betten im Krankenhaus vor 15 Jahren getauscht – Na toll und wohin gehen unsere ganzen, eh viel zu hohen Steuern hin – auf die Frage ob die Betten Teil der Therapie sind und wann sie das letzte mal neue kauften. Nachdem ich es geschafft habe mich aus der bequemen Sitzposition zu verabschieden, ging ich schleppend in den Raucherraum, welcher sich in jeder einzelnen Station befand. Als ich die Türe aufmachte, kam mir schon – wie jeden Morgen – eine riesige Rauchwolke ins Gesicht geflogen.

Wenige Augenblicke später, als ich mich an den Geruch von Nikotin und dem Nebel angepasst habe – bin da schon geübt – sah ich ihn sofort. Er saß auf der Eckbank, die Hände mit dem darauf liegenden Kopf auf dem Tisch und bewegte sich keinen Millimeter. Erst als ich mich zu ihm setzte, hob er den Kopf sah mich an und begrüßte mich mit einem sehr ausgeprägten Akzent. Ich bot im eine Zigarette an kamen dann ins Gespräch. Mit der Zeit im Krankenhaus entwickelten wir eine richtige Freundschaft und unterstützten uns wo es nur ging.

Einfach ein bodenständiger netter Kerl

Nachdem wir entlassen wurden, hielt sie trotzdem weiter an und wir schrieben uns des Öfteren. Er lud mich auch mal zu seinen Freunden ein, die ebenfalls hierher geflüchtet sind. So eine unglaublich nette Gastfreundschaft kennt man hier gar nicht (mehr). Ein paar Wochen später fragte ich ihn ob es ihm was ausmachen würde ein Interview für mich zu geben. Er hatte damit kein Problem, wollte aber unbekannt bleiben und so stieg ich das Wochenende darauf ins Auto und fuhr in den 40 Kilometer entfernten Ort, indem er lebte.

Als mein Navi die Worte: „Sie haben das Ziel erreicht.“ aussprach, parkte ich mein Auto vor einem kleinen Wohnhaus, welches nicht gerade groß war und schätzungsweise nicht mehr als fünf Menschen darin lebten. Stieg aus und suchte einige Sekunden nach seiner Klingel – vergeblich – nahm dann mein Smartphone raus und rief ihn an. Kurz darauf öffnete er das Fenster und warf mir den Schlüssen für die Haustüre hinab. Ich ging die Treppe rauf und blieb vor jeder Wohnungstüre stehen um den Namen zu entziffern. Angekommen im letzten Stock, wartete er schon an der Türe und begrüßte mich mit einem Handschlag und darauffolgend mit einer kurzen Umarmung.

Wie es in seiner Kultur üblich ist, nahm er meine Jacke und hing sie auf. Fragte mich nach einem Kaffee – ich liebe Kaffee – und begleitete mich zu meinem Sitzplatz – einer alten Couch – auf der nicht mehr als drei Leute Platz haben und mitten im Schlafzimmer/Küche stand. Die Wohnung hatte bestimmt nicht mehr als 30 m2. Die Küche befand sich zusammen mit dem Wohnzimmer, Gang und Schlafzimmer in einem Raum, einzig allein das Badezimmer war in einem separaten Raum. Die Wohnung war im allgemeinem aufgeräumt, zu bemängeln gab es nur das Bett, welches nicht gemacht wurde und ein paar ungebrauchte Tabakflocken, welche sich auf dem Glastisch vor der Couch befanden – da sieht es bei einigen jungen Männern aus Deutschland oder Österreich sicher anders aus. Als er mir grinsend den Kaffee brachte, zog ich schon meine Zigaretten Packung raus um ihm eine auszugeben.

Er ignorierte mein Angebot und gab mir eine in die Hand, die ich dann nach dem bedanken anzündete. Sein Deutsch hat sich seit dem ersten Mal im Krankenhaus stark verbessert, allein an der Satzstellung scheitert es noch bisschen und wenn wir uns mal nicht verstehen, gibt es ja noch Hände und Füße oder Google. Einen kurzen Smalltalk später holte ich meinen Block raus, indem ich meine Fragen aufgeschrieben habe, schob meinen Kaffee und den Aschenbecher ein wenig auf die Seite und legte ihn auf den kleinen Glastisch um mit dem Interview zu starten. Aufgenommen wurde die Befragung im Juli 2018:

 

Woher kommst du?

Ich komme aus Syrien

Was hast du beruflich gemacht?

Ich studierte Mathematik

Erzähl mal was über deine Familie

Mein Vater ist Architekt und ist jetzt mit meiner Mutter und meinem Bruder im Irak

Warum sind sie nicht mitgekommen?

Weil sie es nicht wirklich für nötig gesehen haben, bzw. der Weg zu weit war. Auch das Geld hat dann eine Rolle gespielt.

Wann, Wie und Warum bist du nach Österreich gekommen?

Ich bin seit ungefähr zwei Jahren in Österreich und davon ein Jahr im Bundesland Vorarlberg. Ich bin mit vier weiteren Männern mit dem Schiff und zu Fuß nach Wien gekommen. Für das Schiff habe ich umgerechnet 1000€ bezahlt, welches ich mir gespart habe. Nachdem einige Nächte in Wien am Bahnhof verbracht wurden sind wir dann durch die Polizei getrennt in verschiedene Züge gesetzt worden. Mich hat man dann nach Vorarlberg verlegt. Österreich war während des Weges immer neben Deutschland das Gesprächsthema Nummer eins. Man erzählte, dass dort die Freiheit an erster Stelle steht. Mit meinen drei Freunden, dich ich unterwegs kennen lernte, habe ich keinen Kontakt mehr.

Wie war der Weg bis nach Wien? Kannst du ihn mal kurz beschreiben?

Er war wirklich sehr hart. Die Angst hat uns alle aufgefressen, denn wir wussten nicht wirklich was passieren wird, wenn wir mal an die Grenzen kommen. Es wurde auch sehr viel geweint und getrauert, vor allem wenn wir kein Wasser und Essen mehr hatten. Am Abend wurden dann Geschichten erzählt, welche jeder einzelne erlebt hat. Gelacht wurde selten, leider zu selten. Oftmals kamen wir uns nicht wie Menschen vor, sondern wie Tiere, die einfach nur nerven. Das hat sehr weh getan. Die Hoffnung schlussendlich ermunterte uns aber tagtäglich weiterzumachen.

Wie war deine Ankunft in Wien?

Die Ankunft war unglaublich friedlich und liebevoll. Wir bekamen sofort was zu essen und erste Hilfe. Die Menschen haben uns unglaublich freundlich empfangen, das schätze ich heute noch. Ich habe es mir nicht so vorgestellt.

Was war der Grund für deine Flucht?

Da gibt es viele Gründe. Angefangen natürlich vom Krieg und der wirtschaftlichen Situation. Die Gesetze wurden anhand eines Buches veröffentlicht, welches sehr alt ist. Es war einfach nicht mehr lebenswert und ich wollte mein Leben in die Hand nehmen. Zu viele schreckliche Dinge habe ich gesehen.

Bist du jetzt ein Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtling?

Beides.

Wir haben uns im Krankenhaus kennen gelernt. Warum hattest du einen Gips?

Meine Liebe des Lebens wurde in Syrien zwangsverheiratet und ich habe dann zum Alkohol gegriffen. Danach ging alles ziemlich schnell und ich sah keinen Sinn mehr im Leben.

Hast du Kontakt zu deiner Familie?

Ja, ständig über mein Handy

Glaubst du an Gott?

Nein

Gibt es da einen Grund?

Nein, nicht wirklich. Ich glaube etwas erst, wenn ich es sehe.

Arbeitest du?

Nein, ich mache gerade den Deutschkurs vom AMS (Arbeitsmarktservice) und nachdem ich ihn absolviert habe gehe ich arbeiten.

Wie siehst du die Situation der europäischen Länder?

Schwierig, denn das ist nicht so einfach so viele Leute so schnell wie möglich zu integrieren und dann noch aussortieren, welche zum IS gehören und welche nicht. Ich verstehe das vollkommen und bin jetzt einfach froh hier zu sein.

Fühlst du dich integriert?

Glaube es liegt da wohl eher an mir, bin einfach sehr schüchtern und habe Angst, was die anderen von mir denken, wenn ich sie anspreche. Aber ich gebe mein bestes.

 

Fazit

Nehme ihn persönlich als sehr höflich und anständig wahr. Er strahlt ruhe aus und hat auch einen tollen Humor – ich weiß nicht, ob ich ihn noch hätte – aber es fehlt was in seinem Leben. Man sieht es an seinem Gesichtsausdruck und an seinen Augen, da fehlt jeglicher Glanz. Ich glaube wir alle können dafür beitragen, dass Menschen wieder den Glanz erhalten, den sie verloren haben. Natürlich ist es jetzt nur eine Person von vielen, die alle anders ticken, aber ich war sehr überrascht, dass es auch solche Flüchtlinge gibt, die einfach mal gegen den Strom schwimmen. Ich bin auf jeden Fall froh ihn kennen gelernt zu haben und werde die Zeiten mit ihm nie vergessen.

Ich glaube man muss die Sache immer mit Respekt und mit Hausverstand – es werde immer weniger – angehen. Natürlich sind auch mit den Flüchtlingen ein paar Terroristen mitgekommen das ist fakt, aber darum sollten wir alle abweisen? Ich glaub er ist der beste Beweis dafür, dass wir es nicht tun sollen. Wenn wir den Menschen sehen und nicht so naiv in das Thema Flüchtling gehen, dann werden ganz andere Türen und Sichtweisen geöffnet. Diese Entscheidung sollte auch keiner allein treffen, diese Entscheidung sollten wir gemeinsam treffen. Dreht den Spieß einfach mal um und seht euch in der Situation des flüchtigen – einfach nur schlimm.

Will auch nicht eure Meinung oder Standpunkt in der Geschichte ändern, dass steht mir nicht zu. Sehr wohl kann ich aber euch aufzeigen, dass es auch solche Menschen gibt, die wirklich zu uns geflüchtet sind.

Ich bedanke mich bei allen, die das gelesen haben und wünsche euch noch eine tolle wunderschöne Zeit und versucht einmal mehr zu geben, als zu nehmen, denn schlussendlich bekommt ihr dadurch viel mehr, als ihr sonst bekommt.

Euer

Julian

 

Hier geht es zum aktuellen Gewinnspiel 

Gewinnspiel

Gewinnspiel

 

Asia Gemüse mit Basmati Reis und Putenstreifen

Asia Gemüse mit Basmati Reis und Putenstreifen

Asia Gemüse mit Basmati Reis und Putenstreifen